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Thema: Psychologie

Helfersyndrom: Wege aus der Aufopferungsfalle

Hilfsbereitschaft ist ein wertvoller Wesenszug. Doch einige Menschen meinen es zu gut und schaden damit sich und anderen. Wie sie wieder zu sich selbst finden
von Tanja Pöpperl, aktualisiert am 04.08.2015

Wer immer nur Unterstützung anbietet, droht irgendwann selbst unterzugehen

Fotolia / NLshop

"Ich muss nur noch kurz die Welt retten" – so lautet der Refrain eines bekannten Popsongs. Wird er irgendwo gespielt, fühlten sich wahrscheinlich manche Hörer ertappt, weil sie tatsächlich ein vergleichbares Lebensgefühl umtreibt. "Es gibt Menschen, die gerne sämtliches Leid der Welt beseitigen würden und die bereit sind, dafür persönliche Wünsche zurückzustellen", berichtet Dr. Michael Depner, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie aus Wuppertal.

Unterstützung kann zur Last werden

Grundsätzlich scheint Hilfsbereitschaft in den menschlichen Genen zu stecken, wie ein internationales Forscherteam der Universität Utrecht vermutet. Anderen beizustehen ist den Studienergebnissen zufolge ein angeborener Impuls und steht über egoistischen Motiven. Das ergibt auch aus evolutionärer Sicht Sinn. Schließlich könnte ein Neugeborenes ohne selbstlose Unterstützung der Eltern nicht überleben. Ebenso profitiert die Gesellschaft vom Willen zu helfen. Ohne ihn gäbe es sicher keinen ärztlichen Notdienst, keine Entwicklungshilfe und niemanden, der ehrenamtlich an Obdachlose Essen verteilt.

Doch nicht jede Form von Hilfe bewirkt etwas Gutes. Zum Beispiel dann, wenn eigene Bedürfnisse durch das dauerhafte und übermäßige Engagement für Familie, Freunde oder Kollegen zu kurz kommen. Oder wenn Hilfe gar nicht erwünscht ist, sondern geradezu aufgezwungen wird. "Man kann zwei Formen des Helfens unterscheiden, die solidarische und die pathologische Hilfe", sagt Depner. Während solidarische Hilfe sich danach richtet, was dem Empfänger nutzt, schadet pathologische Hilfe schlimmstenfalls beiden beteiligten Seiten.

Hefersyndrom führt zu dauernder Erschöpfung

Der deutsche Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer hat in den 1970er Jahren erstmals das Helfersyndrom beschrieben. Schmidbauer prägte die Bezeichnung für Menschen, die sich vor allem beruflich für andere aufopfern und die in ihrer Helferrolle feststecken. Inzwischen hat sich der Ausdruck in der Umgangssprache etabliert und wird flapsig verwendet, wenn jemand keinen Gefallen abschlagen kann. Beim Helfersyndrom handelt es sich nicht um eine psychische Krankheit wie zum Beispiel Schizophrenie. "Menschen mit Helfersyndrom neigen dazu, sich in zwischenmenschlichen Beziehungen überwiegend als Unterstützer anzubieten."
Das kann sich negativ auswirken: Beispielsweise geraten die Helfer an den Rand der Erschöpfung oder sind frustriert. Persönliche Interessen und Aufgaben treten in den Hintergrund. "Betroffene können ihre Hilfsbereitschaft selbst dann nicht drosseln, wenn sie sich ausgelaugt oder ausgenutzt fühlen und keinerlei Dankbarkeit des Gegenübers spüren", erklärt der Experte. Der Hilfsempfänger auf der anderen Seite hat langfristig unter Umständen ebenfalls Nachteile: Er verharrt in der Position des Abhängigen, verlernt Eigeninitiative und entwickelt manchmal gleichzeitig starke Schuldgefühle.

Die Rolle der Persönlichkeit und Berufswahl

Kann jeder ein Helfersyndrom entwickeln? "Bestimmte Persönlichkeitszüge machen manche Menschen anfälliger als andere", erklärt Depner. Zum Beispiel eine depressive oder emotional instabile Wesensart. Solche Menschen erleben sich teilweise durch übermäßig selbstloses Handeln als wertvoll. Es gibt ihrem Dasein Sinn und möglicherweise möchten sie unbewusst von eigenen Problemen ablenken. "Der Wunsch, Macht über jemanden auszuüben, kann zusätzlich eine Rolle spielen", sagt Depner. Schließlich soll oft auch die Sehnsucht nach sozialer Akzeptanz, nach Zugehörigkeit erfüllt werden, indem man uneigennützig gibt, anstatt zu konsumieren.

Häufig anzutreffen ist das Helfersyndrom in sozialen Berufen, etwa bei Kranken- und Altenpflegern, Ärzten, Suchttherapeuten oder Mitarbeitern wohltätiger Einrichtungen. Psychologen gehen allerdings davon aus, dass nicht die Aufgaben in solchen Berufen ein Helfersyndrom auslösen. Vielmehr ergreifen wohl Menschen mit den genannten Persönlichkeitsstrukturen eher helfende Berufe.

Pflegende Angehörige sind gefährdet

Irgendwann wird es jedoch selbst vielen Berufshelfern zu viel: In einer vom Statistischen Bundesamt veröffentlichten Umfrage etwa gab jeder dritte Krankenpfleger an, sich dauerhaft überlastet und unter Druck zu fühlen. Fünf bis zehn Prozent aller niedergelassenen Ärzte haben laut einer 2011 veröffentlichten Untersuchung ein vollständig ausgeprägtes Burnout-Syndrom, insgesamt 80 Prozent entdecken an sich Teilaspekt der Erschöpfungskrankheit. Auch Menschen, die über längere Zeit einen Angehörigen pflegen, sind gefährdet. "Sie fühlen sich trotz guten Willens schnell vereinnahmt und überfordert, finden aber keinen Ausweg mehr aus der Helferrolle", so Depner.

Eine ehrliche Bilanz führt aus der Helfer-Falle

Um der chronischen Verausgabung zu entgehen, ist es notwenig, ehrlich zu sich selbst zu sein. Experten raten jedem, der bei sich Anzeichen eines Helfersyndroms vermutet, zu einer Bilanz: Bleibt neben meiner Hilfe für andere überhaupt genügend Energie für mich selbst übrig? Befürchte ich weniger Liebe und Anerkennung, wenn ich weniger helfe? "Es ist natürlich nicht leicht, sich vom Selbstbild des Helfers zu verabschieden", erklärt der Psychiater. Doch ab einem gewissen Leidensdruck, sinkt die Hürde, die gewohnte Rolle zu verlassen.

Umzudenken bedeutet dabei nicht, sich in einen gleichgültigen Egozentriker zu verwandeln, sondern mit den eigenen Ressourcen überlegter umzugehen. "Üben Sie, Nein zu sagen, wenn Ihre Hilfe nicht dringend notwendig ist", rät der Experte. "Akzeptieren Sie, dass Sie sich vom Jammern und Klagen anderer unter Druck gesetzt fühlen. Gehen Sie dennoch nicht darauf ein." Denn zum Prozess der Veränderung gehören auch unangenehme Gefühle, etwa ein schlechtes Gewissen, Schuld oder die Angst davor, als schlechterer Mensch wahrgenommen zu werden. Manchen gelingt das im Alleingang, durch stärkeres Abgrenzen von anderen und größerer Achtsamkeit für eigene Bedürfnisse. Wer diesen Schritt nicht ohne Begleitung schafft, sollte über eine Psychotherapie nachdenken.



Bildnachweis: Fotolia / NLshop

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